Konzert 2
Stellen Sie sich folgendes musikphysikalisches Experiment vor: Das grelle Licht der Wiener Klassik um Joseph Haydn trifft auf ein Prisma, auf einen durchsichtigen Glaskörper in Pyramidenform. Durch die angewinkelte Oberfläche wird der Lichtstrahl in seine Spektralfarben gebrochen, die auf der anderen Seite aus dem Prisma herausströmen. Neue Farben und Formen, die sich aus dem Licht der Wiener Klassik entwickeln. Für das Ergebnis gibt es unterschiedliche Bezeichnungen: Neoklassizismus, Neue Sachlichkeit, Retour à l’ordre.
In der Musik wird dieser Versuch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder durchgeführt. Als Reaktion auf die überbordenden Riesenwerke der Spätromantik und die wilden Farbexzesse des Expressionismus entsteht bei einigen Komponist | innen der dringliche Wunsch, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. »Back to the roots« lautet das Motto – zurück zu Klarheit, Ordnung und Durchsichtigkeit in klassischen Formen wie Suite, Sonate oder Solokonzert. Die Beweggründe der einzelnen Versuchsteilnehmer können dabei ganz unterschiedlich sein: ästhetisch, politisch, ökonomisch.
In unserem Labor treffen wir zunächst auf Franz Schreker, dem der Neoklassizismus von seinem Lehrer Robert Fuchs quasi in die Wiege gelegt wird. Mit einfachen Mitteln gelingt ihm in seinem Intermezzo eine große Wirkung mit sattem Streicherklang.
Dmitri Kabalewski steht in seinem musikalischen Denken unter dem politischen Joch des stalinistischen Regimes. Mit seiner eingängigen, klaren Musiksprache übersteht er die musikpolitische Säuberungsaktion von 1948.
Alexander Zemlinsky versucht sich zunächst an einer Lyrischen Symphonie à la Mahler. Doch der Verlag ist alles andere als erfreut und fragt
nach einem Orchesterstück, »das durch seine kurze und praktische Besetzung auch für den Vertrieb leichter ist«. Und Zemlinsky liefert.
Doch was ist das? Ausgerechnet der Klassiker Joseph Haydn hält sich mit seinem Ausgangsmaterial für diesen Versuch gar nicht an die Regeln der Klassik. In seiner Symphonie Nr. 39 probiert er sich in expressiven Molltonarten, dramatischen Wendungen und zerklüfteten Melodien.
Und so wird dieses Konzert zu einem spannenden Experiment mit falschen Erwartungen, doppelten Böden und trügerischem Schubladendenken.
Neue Beginnzeit in Bregenz: 17.30 Uhr!