Konzert 4
In diesem Konzert stehen drei am Ende sehr erfolgreiche Werke auf dem Programm, die in ihrer Entstehung um Haaresbreite gescheitert wären. Die Gründe sind ein zu früher Tod, eine falsche Erwartung und eine schwere Depression.
Als Alexander Borodin 1887 plötzlich stirbt, ist seine erste und einzige Oper immer noch nicht fertig – nach 18 Jahren Bearbeitungszeit. Wie kann das sein? Zum einen, weil Borodin eigentlich gar kein Komponist ist, sondern Arzt und Professor für Chemie in St. Petersburg. Musik bleibt ein Hobby, eine Leidenschaft, der er nur im Krankenstand nachgehen kann. Die Oper Prinz Igor wird zu seinem Lebensprojekt. Denn zum Mangel an Zeit kommt erschwerend hinzu, dass Borodin perfektionistisch veranlagt ist. Mehrfach reist er in die entlegensten Gegenden Russlands, um die passenden Volksweisen für seine Melodien zu finden. Und das dauert. Am Ende kommt es, wie es kommen muss: Borodin stirbt, bevor die Oper fertig ist. Nach seinem Tod nehmen sich seine Freunde Alexander Glasunow und Nikolai Rimski-Korsakow der Sache an und stellen die Oper fertig.
Mit Anfang 20 löst William Walton mit seinem schrillen Werk Façade, das zu zeitgenössischen Gedichten entstand, einen wahren Aufschrei im konservativen Großbritannien aus und gilt schnell als Enfant terrible. Der Violist Lionel Tertis hätte also durchaus wissen können, worauf er sich einlässt, als Walton beauftragt wird, ein Solokonzert für ihn zu komponieren. Doch als Walton ihm nach wenigen Monaten die gar nicht so futuristische Partitur vorlegt, lehnt Tertis überraschend ab: zu modern, so etwas wolle er nicht spielen. Kurz bevor das Projekt ganz in sich zusammenfällt, erklärt sich Paul Hindemith bereit, das Stück uraufzuführen. Im Publikum sitzt Lionel Tertis und bereut seinen voreiligen Entschluss.
Als die Uraufführung seiner ersten Symphonie zum Fiasko wird, fällt Sergei Rachmaninow in eine tiefe Depression: »Ich glich einem Menschen, den der Schlag getroffen hatte und dem für lange Zeit Kopf und Hände gelähmt waren.« So etwas möchte er nicht noch einmal erleben. Drei Jahre lang komponiert er gar nichts, danach alles Mögliche – nur keine Symphonie. Erst durch die Hypnosesitzungen bei Dr. Nikolai Dahl kann er neuen Mut schöpfen – und wagt sich schließlich an eine zweite Symphonie.