Konzert 6
Es gibt die einen, die mit neuen Ideen mutig vorauspreschen, alle Scheuklappen ablegen und nicht viel auf die Meinung anderer geben – komme was wolle. Und es gibt jene, die aus Angst vor Ablehnung zögern und zaudern, grübeln und verwerfen, revidieren, nur um am Ende doch wieder von vorne anzufangen. Zu der ersten Kategorie Mensch gehört Ludwig van Beethoven, zur zweiten Johannes Brahms.
Als Beethoven sein Tripelkonzert fertigstellt, hat er mit der Eroica, der Appassionata und Fidelio binnen eines Jahres mal eben mir nichts dir nichts die Musikwelt revolutioniert. Im Schatten dieser Meilensteine weiß mit dem Tripelkonzert zunächst niemand etwas anzufangen. Wohin mit diesem eigentümlichen Gebilde? Was möchte der Künstler uns sagen? Als Mischung aus Serenade, Solokonzert und Symphonie erinnert es an die klassische Symphonie concertante. Doch die kompositorische Struktur hat ebenso Ähnlichkeiten mit der barocken Form des Concerto grosso. Oder ist es doch einfach ein verkapptes Cellokonzert? Die Fachpresse zermartert sich die Köpfe, Beethoven schert sich nicht groß drum. Gelobt wird zwar, er habe seinem »Reichtum gern üppig schwelgender Fantasie den Zügel, wie kaum sonst irgendwo, schießen lassen«, doch ist auch von vielen »krausen, bizarren Zusammenstellungen« die Rede, dass »man ihm überall gehörig zu folgen als eine Last empfinden müsste«. Das Tripelkonzert – ein kreativer Ausrutscher? Die Ausnahme, die die Regel bestätigt? Viele würden wohl noch heute zustimmen. Nicht so Johannes Brahms, der das Werk mehrfach als Pianist aufführt.
Ohnehin steht Brahms zeitlebens unter dem Eindruck seines großen Vorgängers, in dessen gigantische Fußstapfen er treten soll. Aber wie nur? Als der junge Brahms bei Clara und Robert Schumann aufschlägt, spricht Letzterer in der bekanntesten Musikzeitung des Landes von einem »Berufenen«, von einem »Zauberstab«, mit dem er »Mächte der Massen, im Chor und Orchester« bewegen wird. Was Schumann meint? »Er soll sich immer an die Anfänge der Beethovenschen Symphonien erinnern; er soll etwas Ähnliches zu machen versuchen.« Wenn es mehr nicht ist. – Er werde nie eine Symphonie komponieren, klagt Brahms, wenn er »immer so einen Riesen (Beethoven) hinter sich marschieren hört.« Er wird es doch noch schaffen – nach über 14 Jahren Arbeit.