Ballettmusik eines aserbaidschanischen Komponisten nach einem persischen Märchen, ein wiederentdecktes Cellokonzert eines Georgiers und der Feuervogel nach russischen Märchen, der Igor Strawinsky den Durchbruch im „Westen“ ermöglichte – das sind die Zutaten zum KONZERT 6. Der Russe Valentin Uryupin leitet das SOV, Cellist Maximilian Hornung präsentiert das 2. Konzert Sulkhan Tsintsadzes – und Sie erfahren hier, wie es zu dieser Entdeckung kam.
Gara Garayevs Ballettmusik Die sieben Schönheiten
Der 1918 in Baku geborene Gara Garayev studiert Komposition in Moskau und ist Schüler Dmitri Schostakowitschs, der von ihm so angetan ist, dass er ihn später als „großen sowjetischen Komponisten“ bezeichnet, der „musikalische Traditionen, das klassische Erbe und modernste Musikformen charakteristisch vereinigt“. Das sowjetische Regime, unter dem Garayev komponiert, führt strenge Regeln für Kunst und Kultur ein, die vor allem dem sozialistischen Aufbau dienen sollen – Stichwort Sozialistischer Realismus – und sich keinesfalls an westlichen Tendenzen wie etwa der Zwölftontechnik orientieren dürfen. Garayev geht nach seiner Studienzeit in die Heimat zurück und wird dort zu einer der wichtigsten und bekanntesten Persönlichkeiten der aserbaidschanischen Musikkultur. Er ist auch als Pädagoge tätig und übernimmt bald die Leitung des aserbaidschanischen Konservatoriums, seine Kompositionen sind im ganzen Land berühmt.
Die Ballettmusik Die sieben Schönheiten stammt nun aus dem Jahr 1948, die Handlung greift ein Epos des persischen Dichters Nizami aus dem 12. Jahrhundert auf: König Bahram Gur lädt sieben Schönheiten aus dem ganzen Reich zu sich ein und baut für jede eine Kuppel, in der diese wohnen sollen. Jeder der Schönheiten wird außerdem eine Farbe, ein Himmelskörper, ein Element zugeordnet. Und nun erzählt jede der Damen an einem Tag der Woche eine Geschichte, um den König zu erbauen und zu belehren. In unserem Konzert hören wir nun den Tanz – oder die Geschichte – der indischen Schönheit, die in der schwarzen Saturnkuppel wohnt, der slawischen aus der roten Marskuppel und der chinesischen Schönheit, die in der ockerfarbenen Saturnkuppel erzählt. Die „Schönste der Schönen“ tanzt zum Abschluss in der weißen Venuskuppel.
Sulkhan Tsintsadzes 2. Cellokonzert
Auch Sulkhan Tsintsadze, geboren 1925, ist – wie Gara Garayev – im sogenannten Westen ein unbekannter Name. Der Cellist studiert erst in Tiflis, ist dort Mitglied des Staatlichen Symphonieorchesters und Gründungsmitglied des Staatlichen Georgischen Streichquartetts, bevor er in den 40er- und 50er-Jahren nach Moskau geht, um unter anderem Komposition zu studieren. Zurück in Tiflis schreibt er Kammermusik, aber auch Orchesterwerke, Filmmusik, Bühnenwerke oder Solokonzerte und wird seinerseits als Nationalkomponist gehandelt, der in seiner Musik georgische Folklore mit russischer Moderne vereinbart.
Dass sein 2. Cellokonzert nun im SOV-Konzert zu hören ist, ist eine ganz besondere Geschichte, die der Cellist Maximilian Hornung bestens erzählen kann. Nach der Öffnung hätten westliche Verlage sich vor allem nach Moskau hin orientiert und Werke Moskauer Komponisten neu verlegt. Viele andere ex-sowjetische Republiken blieben aber „unbearbeitet“ und viel Musik würde noch auf seine Wiederentdeckung warten, so der Augsburger Cellist.
Es war Hornungs Lehrer, Eldar Isakadze, der ihm eines Tages eine Kiste mit alten Noten öffnete, in der unter anderem dieses Cellokonzert zu finden war; allerdings gab es nur die Solostimme, einen Klavierauszug und eine schlechte Schallplattenaufnahme. Das Orchestermaterial musste über viele Ecken und unter Schwierigkeiten beschafft werden, es war aber schlussendlich in so schlechtem Zustand, dass Hornung selbst, mit Hilfe eines in der Sache erfahrenen Freundes und Notendruckers, alle Stimmen fast Ton für Ton selbst rekonstruieren musste. 2018 war das Werk fertig, wurde auf CD aufgenommen und einige Male in Konzerten gespielt. Dann kam Corona, und danach gab es wenig Interesse für ein unbekanntes georgisches Werk. – Dass es nun seitdem erstmals wieder zu hören sein wird, ist wohl auch der Neugier und Offenheit des SOV geschuldet. Hornung jedenfalls freut sich sehr darauf, das Konzert aus dem Jahr 1966 in Vorarlberg gleich zweimal zu spielen. Im Podcast können sie ihn und Ausschnitte aus Hornungs Aufnahme ab dem 3. April schon vorhören.
Igor Strawinskys Feuervogel-Suite
Im Gegensatz zu den beiden vorher genannten sowjetischen Komponisten war Igor Strawinsky, geboren 1882 in der Nähe von St. Petersburg, nicht gewillt, sich unter den Druck und die Einschränkungen eines russischen Regimes zu begeben. Er studierte Komposition bei Nikolai Rimski-Korsakow und ergriff die erste Gelegenheit, die sich bot, um in den Westen zu gelangen. 1909 komponierte er die Ballettmusik zum Feuervogel als Auftragsarbeit für den Impresario Sergei Djagilew und seiner Ballets Russes, die in Paris für Furore sorgten. Ursprünglich war ein anderer Komponist dafür vorgesehen gewesen, doch als dieser absagte, erkannte der bis dahin unbekannte Strawinsky seine Chance. 1910 reiste er zur erfolgreichen Uraufführung nach Paris, schrieb in den folgenden Jahren noch die Nachfolgewerke Petruschka und Le sacre du printemps, lebte ab 1920 in Frankreich und später in den USA.
Die musikalische und choreographische Innovation der Ballette Strawinskys und Djagilews waren für das moderne Ballett und die Musik des 20. Jahrhunderts gleichsam richtungsweisend. Das Publikum der Uraufführung zeigte sich von der „in allen Klangfarben schillernden Musik“ und der „üppig-farbenreichen Ausstattung“ schwer beeindruckt. Der Handlung des Feuervogels liegt eine geschickte Mischung dreier russischer Märchenfiguren zugrunde: der Feuervogel als magischer Helfer, Iwan Zarewitsch als Märchenprinz und der böse Zauberer Kastschej, der unsterblich ist, da er seine Seele außerhalb des Körpers aufbewahrt, und deswegen so schwer zu besiegen ist. Im Ballett fängt Iwan Zarewitsch im Garten des Zauberers den Feuervogel ein, lässt ihn aber wieder frei, als dieser ihm eine Feder als Pfand anbietet, mit der er ihm in jeder Notlage helfen könne. Zarewitsch erblickt im Garten vom Zauberer gefangene Mädchen und verliebt sich in eine von ihnen. Als er sie retten möchte, tritt der Zauberer auf den Plan und will den Prinzen töten. Mithilfe der Feder wird der Feuervogel zu Hilfe gerufen, er zwingt den Zauberer erst in einen schrecklichen Tanz und schließlich einen tiefen Schlaf, während dem der Zarewitsch die Seele des Zauberers finden und den Bann brechen kann. Die Gefangenen sind befreit, und Iwan mit seiner Zarewna vereint.
Die Orchestersuite aus dem Jahr 1945, die wir im Konzert hören werden, gibt diesen Handlungsstrang hörbar genau wieder, und mit den hymnischen Klängen, mit denen der Feuervogel endet, verabschieden wir die Saison 2025/26 und hoffen, Sie in der nächsten Saison wieder bei uns zu sehen. Die Programmpräsentation der Saison 2026/27 findet schon am Montag, 13. April, statt, und Sie können sich ab diesem Zeitpunkt auf unserer Webseite über das neue Programm ausgiebig informieren.