Die Klassik durch die Brille des 20. Jahrhunderts gesehen

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Sergei Prokofjew schreibt Anfang des 20. Jahrhunderts eine klassische Symphonie nach seinem Idol Joseph Haydn und Gottfried von Einem verwandelt in den 1950ern Mozarts Papageno-Arie. Dazu hören Sie Bohuslav Martinůs Oboenkonzert aus der gleichen Zeit, ganz neoklassizistisch klingend, mit Andrey Godik an der Oboe. Zurück zum Ursprung geht es dann am Schluss: Chefdirigent Leo McFall freut sich schon sehr auf Joseph Haydns Symphonie Nr. 96.  

Prokofjews Symphonie „classique“

Mitten in den Wirren des ersten Weltkriegs und der Revolution zieht sich der brillante Pianist Sergei Prokofjew, der auch schon mit einigen Kompositionen erfolgreich in Erscheinung getreten war, 1916/17 in seine Datscha zurück, um ein Stück Musik zu schreiben, das – gemeinsam mit dem Musikmärchen Peter und der Wolf – zu seinen berühmtesten Werken werden sollte. Durch einen Lehrer lernte er die Partituren Haydns und Mozarts schätzen: „Wenn Haydn heute noch lebte, dachte ich, würde er seine Art zu schreiben beibehalten und dabei einiges vom Neuen übernehmen. Solch eine Symphonie wollte ich schreiben – eine Symphonie im klassischen Stil.“

Das Ergebnis ist ein viersätziges Werk, das nach 15 Minuten schon wieder vorbei ist. Die Schwierigkeit, die die Musizierenden damit haben, ist gar nicht zu hören: die Musik ist leicht, luftig, sie schwebt, hopst oder flattert an einem vorbei und zaubert sicherlich das eine oder andere Lächeln auf die Gesichter der Zuhörenden. „Am Ende ist es auch wunderbar, diese Musik zu spielen“, sagt Chefdirigent Leo McFall im Podcast, weiß er doch, dass Prokofjew immer Freude daran hatte, nicht nur das Publikum, sondern auch die MusikerInnen zu überraschen, oder ihnen ein paar Hürden einzubauen. Und dieser Humor ist es, der Prokofjew auch mit dem Vorbild Haydn verbindet, „der Humor, und dieser „Biss“, der sich durch das Werk beider zieht“, so McFall.

Martinůs Oboenkonzert

Der Oboist Jiři Tancibudek lebte und spielte im australischen Exil, und wurde dort immer wieder gebeten, ein neues „tschechisches“ Konzert aufzuführen. Ohne ihn persönlich zu kennen, beauftragte Tancibudek nun Bohuslav Martinů, der sich Anfang der 1950er Jahre in Nizza niedergelassen hatte. Es dauerte einige Jahre, doch schlussendlich bekam Tancibudek „sein“ Konzert, das er 1956 in Sydney, gemeinsam mit dem Sydney Symphony Orchestra, uraufführte und mit dem er später auch in Europa Erfolge feierte. 

Gemeinsam mit dem SOV wird der Oboist Andrey Godik auf der Bühne stehen. Für ihn ist dieses Konzert eines der schönsten in der Oboenliteratur des 20. Jahrhunderts, herausfordernd in technischer wie auch musikalischer Sicht, mit virtuosen Passagen und großen Atembögen. Die besondere Orchesterbesetzung mit einem Klavier verleihe dem Konzert eine ganz eigene, moderne Spannung, so Godik, gleichzeitig bleibe die Oboe stets in einem Dialog mit dem Orchester, ganz wie eine „erzählende Stimme“.

Von Einems Wandlungen

Im gleichen Jahr 1956 wird – für den 200. Geburtstag Wolfgang A. Mozarts - eine Hommage an diesen in Auftrag gegeben: 12 Komponisten schreiben jeweils ein kurzes Stück, das von der Papageno-Arie „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus der Zauberflöte ausgeht. Die Einleitung zu diesem Divertimento für Mozart schreibt Gottfried von Einem, der im Vorwort zur Partitur seine Herangehensweise erklärt. Kurz gefasst nimmt er zwei Motive aus der Arie, spaltet sie rhythmisch, melodisch und harmonisch auf und setzt diese „schier unerschöpflichen Combinationen“, die sich daraus ergeben, wieder neu zusammen. Heraus kommt ein kurzes, lebendiges und farbenreiches Orchesterstückchen, in dem die Mozart’sche Melodie vielleicht nicht direkt zu hören, aber die klassische Grundstimmung sehr wohl zu spüren ist.

Haydns 96. Symphonie The Miracle

Als Joseph Haydn 1791 zum ersten Mal in England ankam, erwarteten seine englischen Fans bereits ungeduldig ihr Idol. Nachdem er über 30 Jahre lang am und für den Hof des Fürsten Esterházy Musik geschrieben hatte, konnte er in London nun für ein begeistertes Publikum arbeiten und mit großen, hervorragenden Orchestern musizieren. Die Symphonie Nr. 96 ist die erste der 12 Londoner Symphonien, und sie wurde euphorisch aufgenommen! Das Adagio musste bei der Uraufführung sogar wiederholt werden!

Mit seinem Humor und der Lust auf Überraschungen sparte Haydn natürlich auch bei dieser Symphonie nicht: Die getragene Einleitung schwenkt ganz plötzlich in pure Euphorie um, er wechselt unvermittelt von Dur nach Moll, mischt Höfisches mit Volksliedhaftem oder entwirft eine Melodie, die wie ein perpetuum mobile niemals aufzuhören scheint. Und damit ist nicht nur die Tonart D-Dur eine perfekte Klammer für den Beginn und das Ende des Konzert 5.