„Schumann bedeutet für mich Deutschland, im Sinne von: das Schönste, das Deutschland produzieren konnte,“ sagt Dirigent Francesco Angelico. Er setzt Schumanns 2. Symphonie ans Ende des Konzerts und beginnt mit zwei italienischen Zeitgenossen Schumanns: Giuseppe Verdi und Giovanni Bottesini. Letzterer hat große Musik für den Kontrabass geschrieben. Wir hören sein 2. Konzert, interpretiert vom begeisternden Solisten Marc André.
Eröffnungstanz mit Verdi: Ballabile aus seinem Macbeth
Shakespeares düsteres Königsdrama Macbeth beflügelte Verdi. Endlich keine Liebesgeschichte, endlich geht es um menschliche Abgründe, endlich kann der reine Schöngesang, das Belcanto, dem authentischen Ausdruck weichen! – Und unheimlich beginnt das Drama: Drei Hexen sprechen den schottischen Generälen Macbeth und Banco eine Weissagung aus: ersterer soll König, zweiterer Vorfahre von Königen werden. Angetrieben von der Machtgier Lady Macbeths verschafft sich Macbeth nun durch Königsmord und andere Gräueltaten die schottische Krone. Was ihm widersteht, wird vernichtet. Der Preis für den politischen Erfolg ist aber sein – und der Lady – psychischer Niedergang, der im Wahnsinn endet.
Die Uraufführung 1847 in Florenz war ein Publikumserfolg, auch wenn die Kritik das Fehlen einer Liebesszene bemängelte. Für die Pariser Oper erarbeitete Verdi fast zwanzig Jahre später eine neue Fassung, und da durfte das Ballett auf keinen Fall fehlen. Verdi fand die perfekte Stelle für das Ballabile: am Beginn des 3. Aktes brauen die drei „Schicksalsschwestern“ in ihrer Höhle einen Trank. Die düstere Stimmung, das Gelächter der Hexen, die Rede Hekates und der wilde Hexen-Valzer leiten die Szene, in der König Macbeth die drei verzweifelt nochmals nach seinem Schicksal befragen will, stimmungsvoll ein.
Für alle, die an der shakespeareschen Vorlage zur Oper interessiert sind, gibt es im Vorarlberger Landestheater im November noch zwei schaurige Termine.
Solo mit dem Kontrabass: Giovanni Bottesini und Marc André
Der Kontrabass – ein wirklich ungewöhnliches Soloinstrument, finden Sie? Nun, im Theatermonolog von Patrick Süskind (eine Leseempfehlung für alle, die ihn nicht kennen) wird dieser „Waldschrat von einem Instrument“ wirklich nicht als Solist empfohlen. Am besten trauen wir der Literatur in diesem Fall nicht und lassen uns eines Besseren belehren. Geschichtlich ist der Kontrabass eine Mischung aus Viola da braccio und Viola da gamba und er ist – im Gegensatz zu seinen drei kleineren Geschwistern Geige, Bratsche und Cello – in Quarten, und nicht in Quinten gestimmt. Sein tiefer, warmer Klang bildet das harmonische Fundament in vielen Musikstilen, von der klassischen Musik angefangen bis in Jazz, Rock- und Popmusik – wenn auch da in der E-Variante. Patrick Süskind lässt seinen Ich-Erzähler sagen, dass der Kontrabass „das mit Abstand wichtigste Orchesterinstrument schlechthin“ wäre, auch wenn man es ihm nicht ansehen würde. Diese Lanze sollte hier einmal gebrochen werden.
Große Begeisterung für dieses Instrument versprüht Kontrabassist Marc André im SOV-Podcast. Sein Ton wird als der „exquisiteste und eleganteste“ gelobt, er überzeugt mit „völlig neuer Herangehensweise“ an das Instrument. Der aus Wien stammende Solist mit französischen Wurzeln ist trotz seines jungen Alters schon weltweit unterwegs um Menschen für sein und mit seinem Instrument zu begeistern, und natürlich grundsätzlich für die klassische Musik. Wie er zu seinem Instrument kam und was Giovanni Bottesini dafür geleistet hat, erzählt er ausführlich in der neuen Podcastfolge.
Auf jeden Fall hat Bottesini das heute wichtigste Konzert für Kontrabass geschrieben. Der Freund Giuseppe Verdis war ja selbst ein Phänomen auf der großen Bassgeige und einer der ersten Solisten, die nicht nur Italien und Europa bereisten, sondern auch in Übersee regelmäßig Erfolge feierten. In Havanna begann er außerdem als Dirigent zu arbeiten, schrieb seine erste Oper, und machte sich einen Spaß daraus, regelmäßig in den Pausen mit seinem Kontrabass über Themen des Werkes zu improvisieren. Seine lange Freundschaft mit Giuseppe Verdi pflegte er, so dass dieser Bottesini an die Khedivische Oper in Kairo als Chefdirigent vermittelte, wo er 1871 die berühmte Uraufführung von Verdis Aida probte und dirigierte. Selbst komponierte er jedoch auch mehrere Opern, Orchesterwerke, geistliche und Vokalmusik, und natürlich zahlreiche Werke für den Kontrabass. Von den vier bekannten Konzerten wird das 2. Konzert heute als das wichtigste Werk für Kontrabassisten gesehen, es vereint italienisch-gesangliche Schönheit mit unglaublich virtuosen Passagen und lässt vor allem auch den Interpreten glänzen.
Für das SOV stellt dieser Programmpunkt übrigens auch eine interne Staffelübergabe dar, da zwei Geschäftsführer – und beide sind sie auch Kontrabassisten! – an dieser Saison übergreifend gearbeitet haben. Sebastian Hazod übergibt mit diesem Konzert also bildlich die Staffel weiter an Gerald Mair.
Genesung mit Robert Schumanns Zweiter
1845 und 46 schrieb Robert Schumann an einer neuen Symphonie in C-Dur, die als 2. Symphonie veröffentlicht wurde. Er steckte in dieser Zeit in psychischen Krisen und litt an rätselhaften Krankheiten. Ein Umzug der gesamten Familie von Leipzig nach Dresden, wo er in Ruhe arbeiten wollte, kam noch dazu. Im Jahr zuvor hatte er sich intensive Kontrapunkt-Studien mit den Werken Johann Sebastian Bachs vorgenommen, diese sollten ihn – so wünschte er es sich – von seinen Depressionen heilen. Dieses „Fugenjahr“, wie er es nannte, ist nun auch wirklich in der Symphonie zu hören: sei es in der Verarbeitung von Themen, sei es mit dem Zitat einer Bach’schen Melodie zu Beginn des dritten Satzes. Und es scheint, als wäre diese Therapie erfolgreich gewesen, denn „erst im letzten Satz fing ich an mich wieder zu fühlen; wirklich wurde ich auch nach Beendigung des ganzen Werkes wieder wohler“, schrieb er rückblickend an einen Freund.
Und Dirigent Francesco Angelico sagt zu dem Werk: „Er hat in diese Symphonie seine Liebe für Bach, aber auch seine Liebe für das Lied, das Orchester oder das Fugato hineingeschrieben. – Und es gibt immer wieder Überraschungen, es gibt keinen Moment, wo man Atem holen kann, immer wieder kommt etwas Unerwartetes auf die Zuhörenden zu.“