Höchst abwechslungsreich wird es, das KONZERT 4, verschiedene Geschichten werden erzählt, es geht um „Länder, Leute, Klänge, Impressionen und – um Heimat.“ So beschreibt es Dirigent Jonathan Brandani. Der charismatische Italiener, der u. a. die Calgary Opera leitet, ist unserem Orchester schon gut bekannt: 2022 dirigierte er bei den Bregenzer Festspielen gleich zwei Opern mit dem SOV: „Die Italienerin in Algier“ und „Armida“. Jetzt freuen wir uns, mit ihm „das Theatrale“ in diesem Programm zu entdecken.
Nino Rota und ein Florentiner Strohhut
Ein Werk aus Brandanis Heimat, von einem Komponisten, den er überaus schätzt, und dessen symphonisches Werk noch viel zu selten gespielt wird, eröffnet mit quirligem Schwung und Elan: die Ouvertüre zu Nino Rotas bekanntester und komischer Oper Der Florentiner Hut. Weltweit mit mehr als 150 Filmmusiken bekannt, ist Rotas Schaffen abseits der Filmindustrie wohl noch zu entdecken. Brandani: „Theatralik ist für mich das Passwort in der Musik, und das kann Rota: ich kann bei seiner Musik die Charaktere, die Gefühle richtiggehend sehen. Die fünf Minuten dieser kleinen Ouvertüre werden zwar eine kleine Reise sein, aber eine Reise voll mit Gesten, Theatralik und Komödie!“
Nikolaus Brass und Wie viel Heimat braucht der Mensch?
Mit großer Freude präsentiert das SOV Ihnen das Werk des aus Lindau stammenden Komponisten Nikolaus Brass, ein Auftragswerk von 2019, zum Festival texte & töne uraufgeführt, und für dieses KONZERT 4 in eine neue, große Orchesterfassung gebracht. Da der Auftrag eine Beschäftigung mit den Novemberpogromen von 1938 nahelegte – das Datum des Festivals war eben der Gedenktag 9. November – so erinnerte sich Brass an einen Text, den er schon sein halbes Leben lang mit sich herumtrug. Es war dies Jean Amérys Essay „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“
Jean Améry, als Hans Maier in Wien geboren, im Salzkammergut aufgewachsen, mit Hohenemser Familienhintergrund, hat seine unbeschreiblich tragischen Erlebnisse auf der Flucht vor den Nazis, im Widerstand, KZ und Exil in seinem schriftstellerischen Werk verarbeitet. Die Frage nach der Heimat berührte den Lindauer Komponisten, der Teile des Essays von einem Sprecher lesen lässt. Vertraute Klänge aus der Heimat, Erinnerungen und Gefühle, die beim Lesen des Texts auftreten, werden zu einem Klangwerk, das sich wie ein Bild, ein Bühnenbild, um die Worte legt. Oder, wie Brass im Podcast-Interview sagt: „Die Musik eröffnet quasi einen emotionalen Raum für den Text.“
Mehr zu Jean Améry erfahren Sie in unserem Video: Drei Fragen an Nikolaus Brass und Hanno Loewy. Loewy, als Direktor des jüdischen Museums und Literaturwissenschafter ein Spezialist für Jean Améry, hat uns dankenswerterweise auf der Suche nach Antworten zum Autor bereitwillig Auskunft gegeben.
Hector Berlioz und Harold en Italie
Eine weitere Geschichte erzählt die große Symphonie im zweiten Teil des Konzerts. Ungewöhnlich ist, dass eine Symphonie sich überhaupt mit einer literarischen Figur befasst, und außerdem, dass sie eine Symphonie mit Solobratsche ist. Für Jonathan Brandani eine wundervolle Möglichkeit, auch in diesem Werk das „Theatrale“ zu finden und umzusetzen.
Berlioz bedient sich aus zwei Inspirationsquellen: er nimmt die Figur des Harold aus dem romantischen Versepos Ritter Harolds Pilgerfahrt des skandalumwobenen Lord Byron und mischt sie mit eigenen Erinnerungen an seinen Italienaufenthalt, wo er ein Kompositionsstipendium in der römischen Villa Massimo gewonnen hatte. Die Solobratsche bekommt nun die Rolle des Harold, eines „melancholischen Träumers“, und wandert im ersten Satz glücklich durch die Abruzzen, sieht im zweiten einen Pilgerzug vorbeiziehen, hört im dritten Satz ein Ständchen und fällt im vierten unter die Räuber, wo sie glücklich entkommt.
Nikita Gerkusov, seit dieser Saison Stimmführer der SOV-Bratschengruppe, wird das Solo spielen und die Rolle des Harold übernehmen. Für ihn ist dieses Werk ein „perfekter Dialog zwischen Bratsche und Orchester, kein Solistenkonzert, in dem man die Hauptrolle übernimmt, sondern ein Miteinander.“ – Kein Wunder, dass der Auftraggeber weiland das fertige Werk nicht spielen wollte: Niccolò Paganini, der Teufelsgeiger, bestellte bei Berlioz ein Konzert für seine brandneue Stradivari-Bratsche. Mit den „vielen Pausen“ in der Partitur konnte er allerdings nichts anfangen. Doch diese möchte Jonathan Brandani nun mit Leben füllen, denn in der Symphonie geht es „wirklich um eine Reise, um eine theatralische Darstellung einer psychologischen Reise“.