Konzert 5: Ein Tag, ein Traum, und das Meer

Beitrag veröffentlicht am

Die junge Lili Boulanger beschreibt mit ihrer Musik einen Morgen und einen Abend, Claude Debussy den Nachmittag eines Fauns und das Meer. Zwischendrin glänzt das Saxophonkonzert Alexander Glasunows, das in Paris geschrieben wurde, und sich darum so leicht zu den anderen Impressionen gesellt. Saxophonistin Asya Fateyeva wird uns dieses präsentieren, es dirigiert der Senkrechtstarter Giuseppe Mengoli.

 

Lili Boulangers Frühlingsmorgen

Der Impressionismus ist das große Thema, das über dem Konzert schwebt. Auch Lili Boulangers Werke schöpfen aus diesen Ideen, keine Wirklichkeiten zu beschreiben, sondern den persönlichen Eindruck eines Augenblicks einzufangen. In D’un matin de printemps von 1918 kann es darum sein, dass wir die Vögel zwitschern hören und das Aufspringen der Knospen fühlen, doch gehen ihre Kompositionen weit über den Stil, den Vorgänger wie Debussy, Ravel, Satie oder Fauré prägen, hinaus. Eigentlich kein Wunder, und doch eine Sensation, dass sie mit nur 19 Jahren und als erste Frau(!) den renommierten Kompositionspreis Prix de Rome gewinnt!

Alexander Glasunow mit Saxophon in Paris

Der »russische Brahms« war fast sein Leben lang in Russland und dort berühmt und hochgeschätzt. 1865 in St. Petersburg geboren brachte er es zum Direktor des Petersburger Konservatoriums und unterrichtete dort spätere Größen wie Prokofiew oder Schostakowitsch. Als er 1928 als Jurymitglied bei einem Wettbewerb nach Wien eingeladen wurde, erlaubte ihm seine angegriffene Gesundheit die Rückreise nicht und er lebte bis zu seinem Tod 1936 in Paris – für ihn das Exil. Sein Saxophonkonzert komponierte er dort und aufgrund der Beharrlichkeit des großen Saxophonisten Sigurd Rascher und er traf damit die Seele dieses Instruments. Asya Fateyeva, die Saxophonistin in unserem Konzert, hört das Heimweh nach Russland in diesem einsätzigen Werk ganz deutlich heraus.

Claude Debussys Nachmittag eines Fauns

Auch Claude Debussy, 1862 geboren, ist ein vielversprechendes Talent am Pariser Konservatorium und ein Prix-de-Rome-Gewinner, wenngleich seine Verstöße gegen die tradierten Kompositionsregeln sehr missfielen. Er war auf der Suche nach Neuem, seine Naturverbundenheit und die Eindrücke der Pariser Weltausstellung 1889 prägten seine Musik.

Prélude á l’après-midi d’un faune, nach dem Gedicht Stephane Mallarmés, wird Debussys Durchbruch, dort manifestieren sich erstmals alle Aspekte seiner eigenwilligen und revolutionären Tonsprache: alles ist im Fluss, ein Ton ergibt den nächsten, alles ist Veränderung. Sogar Mallarmé selbst war begeistert: sein von Nymphen träumender Faun schreibt Musikgeschichte. Pierre Boulez sagte dazu: »Die Flöte des Fauns brachte neuen Atem in die Musik.«

Lili Boulanger an einem traurigen Abend

Zeitgleich zum frischen Frühlingsmorgen schreibt Lili Boulanger D’un soir triste, ein Werk voll Trauer und Melancholie. Dirigent Giuseppe Mengoli betont jedoch, dass diese Musik immer zwei Seiten habe: »… wie der menschliche Geist, die Seele auch immer zwei Seiten haben. Alles, was süß klingt, trägt Trauer in sich, und wird es dramatisch, so höre ich Hoffnung durchklingen. Man spürt, sie akzeptiert das Dunkle, Unbekannte und trotzdem findet sich immer wieder Licht in dieser Musik.«

Lili Boulanger stirbt kurz nach der Fertigstellung, mit nur 24 Jahren, nach einem Leben voll Krankheit und voll Musik, »einer Musik, die man unbedingt spielen und kennenlernen muss«, so Mengoli.

Claude Debussy und das Meer

Wer weiß schon, dass Debussy als junger Mann eigentlich zur See fahren wollte? Immer schon hat ihn das Meer begeistert, auch wenn er seine Drei symphonischen Skizzen »La Mer« weit weg vom Wasser geschrieben hat. Dieses Schlüsselwerk des Impressionismus zeigt uns das Meer in vielen Facetten: Von der Morgendämmerung bis zum Mittag, Spiel der Wellen und Dialog zwischen dem Wind und dem Meer, so die bildhaften Titel. Doch worauf sollte man hören, wenn hier schwebende und brausende Klänge sich abwechseln, woran sich beim Zuhören festhalten? Laut Giuseppe Mengoli mochte Debussy die Bezeichnung »Impressionismus« gar nicht für seine Musik, er schrieb keine Salonstücke, die leichten Rosenduft verbreiteten. Sein Ziel war ein höheres: »Er wollte die Zuhörer aus ihrer Realität holen und sie ganz und gar in eine andere Welt eintauchen lassen, in eine Welt der Phantasie, der Halluzination, der flirrenden Farben und sich wandelnden Formen.«