Große Freude herrscht in den Reihen der Orchestermusiker|innen, denn Ehrendirigent Gérard Korsten steht wieder am Pult „seines“ ehemaligen SOV. Er dirigiert das phänomenale Cellokonzert Antonín Dvořáks mit Cellistin Harriet Krijgh und ergänzt es mit Gustav Mahlers Adagietto, dem weltbekannten 4. Satz aus der 5. Symphonie, und mit Arnold Schönbergs Kammersymhonie Nr. 2, einem Werk, das den Komponisten sein ganzes Leben lang begleitete.
Gustav Mahlers Liebesbrief an Alma
Wien, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gustav Mahler, seit ein paar Jahren Hofoperndirektor, hatte sich endlich auch in Wien etabliert. Er, der vor allem ein in ganz Europa anerkannter Dirigent war, wurde nun auch als Komponist wahrgenommen, seine neuartige, weil szenisch besondere Arbeit an der Hofoper hatte Erfolg und – er lernte die fast zwanzig Jahre jüngere, faszinierende Alma Schindler kennen. Ihr schickte er 1901 das Adagietto aus der Symphonie, an der er gerade arbeitete, ohne Worte und ohne Erklärung – als Liebesbrief. Sie verstand, und nur wenige Monate später heirateten die beiden. Für die junge Komponistin bedeutete das allerdings, dass sie von nun an ihre Kunst aufgeben sollte – das hatte Mahler vor der Hochzeit von ihr in einem langen Brief verlangt: „Wie stellst du dir so ein componierendes Ehepaar vor? Hast du eine Ahnung, wie lächerlich und später herabziehend vor uns selbst, so ein eigenthümliches Rivalitätsverhältnis werden muß?“ – Um wie viel schöner und zu Herzen gehender war da seine musikalische Liebeserklärung!
Arnold Schönbergs „Lebenswerk“
Arnold Schönberg war ein Bewunderer Gustav Mahlers und im Hause Mahler oft zu Besuch. Dass es dort auch immer wieder hitzige Debatten gab, wenn über Musik gesprochen wurde, notierte Alma Mahler in ihren Tagebüchern. Und ihr Leben lang haben Gustav und Alma den jungen Schönberg unterstützt. Für Gérard Korsten ist die menschliche Verbindung zwischen den beiden Komponisten auch eine perfekte Klammer für die beiden Werke im ersten Teil. – Markierte die 1. Kammersymphonie einen Wendepunkt in seinem Schaffen, so sollte die 2. Kammersymphonie – er begann sie 1906, unmittelbar nach Abschluss der ersten – die neuen Erkenntnisse weiterführen.
Doch leider blieb sie unvollendet liegen. In den nächsten Jahren nahm Schönberg die Arbeit zwar immer wieder auf, fertig wurde sie jedoch erst 30 Jahre später, als der Dirigent Fritz Stiedry an Schönberg herantrat und ihn darum bat, diese Kammersymphonie für sein Orchester und die New Frieds of Music in Los Angeles zu beenden. Beide Musiker weilten da in der amerikanischen Emigration. Arnold Schönberg meisterte einige Schwierigkeiten bei der Fertigstellung, hatte sich sein Kompositionsstil doch von der tonalen über die Zwölftontechnik zur atonalen Musik hin weiterentwickelt, doch einmal gemeistert, zeigt sich dieses „Lebenswerk“ als gefühlvolles Beispiel für Schönbergs Flexibilität den verschiedensten kompositorischen Stilen gegenüber. Er sagte dazu: „Eine Sehnsucht zu dem älteren Stil zurückzukehren, war immer mächtig in mir; und von Zeit zu Zeit musste ich diesem Drang nachgeben. Also schreibe ich manchmal tonale Musik. Für mich haben stilistische Unterschiede dieser Art keine besondere Bedeutung. Ich weiß nicht, welche von meinen Kompositionen besser sind; sie gefallen mir alle, weil sie mir gefielen, als ich sie schrieb.“
Antonín Dvořák und seine heimliche Liebe im Cellokonzert
„Ein Stück Holz, das oben kreischt und unten brummt“, so bezeichnete Antonín Dvořák das Violoncello und weigerte sich lange, ein Konzert dafür zu schreiben. Als er eine lukrative Stelle als Leiter des National Conservatory in New York angeboten bekam, zog er mit Frau und zwei Kindern für drei Jahre in die USA, wo er einige seiner großen, weltbekannten Werke schrieb – aber immer an Heimweh nach der Heimat und nach den zurückgebliebenen Kindern sehnte. Dort hörte er die Uraufführung des Cellokonzerts von Victor Herbert, das ihn beeindruckte und dazu inspirierte, es doch einmal mit diesem Instrument zu versuchen. Der Versuch gelang, und wie! Sein Cellokonzert wurde eines der bedeutendsten Werke der Celloliteratur. Mit rund vierzig Minuten Dauer sind seine Ausmaße symphonisch, zahlreiche Instrumente dialogisieren mit dem Cello, das bei aller Virtuosität tief im Orchesterklang eingebettet ist. Harriet Krijgh wird diesen großartigen Cellopart übernehmen. Die Niederländerin, die schon seit Jahren in Wien zuhause ist, hebt vor allem das versteckte Lied Dvořáks im 2. Satz hervor: „Das Lied mit dem Titel „Lasst mich allein“ war das Lieblingslied seiner Schwägerin Josefina, in die er früher heimlich verliebt war. Ein Thema, das ganz am Ende wiederkommt, als Duett mit der Konzertmeistergeige“. – Während der Arbeit am Konzert erfährt Dvořák nämlich von der tödlichen Krankheit und schließlich vom Tod Josefinas, und macht ihr Andenken mit diesem heimlichen Lied doch unsterblich: Ein Konzert voller Gänsehaut-Momente.